Die Erektionsfähigkeit als Maß für Männergesundheit

​Dr. med. Dietmar Betz

 

Die Erektile Dysfunktion (E.D.) zählt in Deutschland und auch weltweit zu den häufigsten Sexualstörungen des Mannes. 

Erektionsstörungen sind nicht nur eine Belastung für die Beziehung, sondern haben auch einen erheblichen negativen Einfluss auf das Selbstwertgefühl des betroffenen Mannes.

Wir unterscheiden den kompletten Erektionsverlust von einer abgeschwächten Form, bei der die Erektion zwar noch erhalten ist, aber entweder nicht lange genug andauert, um befriedigenden Sexualverkehr zu vollziehen, oder schon von Beginn an nicht ausreicht, um eine Penetration zu ermöglichen.

Bereits im Jahre 1994 wurde zu diesem Thema die „Massachusetts Male Ageing Study“ veröffentlicht. 

In dieser Studie gaben 52% der in den USA befragten Männer zwischen 40 und 70 Jahren an, unter einer solchen Erektionsstörung zu leiden.

Ebenso wurde beklagt, dass die Beziehungen der betroffenen Männer darunter litten.

Diese Ergebnisse waren zu dem Zeitpunkt bemerkenswert und haben eine Reihe weiterer Untersuchungen angestoßen. 

Studien aus anderen Teilen der Welt kamen zu ähnlichen Ergebnissen. 

Somit war klar, dass es sich mit der E.D. um ein weltweit häufig vorkommendes Problem handelt, das nicht nur Einfluss auf die Befindlichkeit des Mannes, sondern auch auf das Umfeld des Betroffenen haben kann.

Dennoch ist die E.D. weiterhin ein Tabuthema und Experten schätzen, dass die Dunkelziffer von nicht erfassten Krankheiten hoch ist.

Das ist fatal, denn aus jüngeren wissenschaftlichen Untersuchungen wissen wir mittlerweile, dass die E.D. Implikationen für den Gesundheitszustand des betroffenen Mannes zulässt, die weit über die Fähigkeit zur penilen Erektion allein hinausgehen. 

Cardiologen und Andrologen bezeichnen den Penis nicht selten als „Antenne des Herzen“, denn es ist mittlerweile bekannt, dass Männer mit einer E.D ein um den Faktor 1,5 erhöhtes Risiko haben, ein „kardiovaskuläres Ereignis“ zu erleben, also einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden. 

Es gibt Hinweise darauf, dass zwischen dem ersten Auftreten einer E.D und einem Herzinfarkt nur wenige Jahre liegen können. Dieser Zusammenhang tritt besonders deutlich in Erscheinung, wenn die E.D. bei jüngeren Männern auftritt, also im Alter von 40-70 Jahren.

Ebenso finden sich für die E.D. und die koronare Herzkrankheit (siehe vorheriger Artikel) die gleichen Risikofaktoren: Rauchen, Diabetes, Bluthochdruck, Adipositas und Hyperlipidämie, also ein hoher Fettgehalt im Blut.

Hier gibt es eindeutig nachweisbar erhöhte Risiken sowohl für eine E.D. als auch für eine KHK, wenn gleichzeitig niedrige HDL und hohe LDL-Werte im Blut des Mannes gemessen werden. 

Eine solche Blutuntersuchung ist Bestandteil eines Routine-Check-up und sollte regelmäßig durchgeführt werden, denn eine Hyperlipidämie kann fatale Folgen haben, ist aber gut behandelbar.

Darüber hinaus konnte nachgewiesen werden, dass Männer mit einer unzureichenden, oftmals unterdrückten Konflikt- oder Stressverarbeitung eine höhere Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer E.D aufweisen als Männer, die Konflikte und Stress besser verarbeiten.

Ebenso zeigen sich bidirektionale Zusammenhänge zwischen dem Auftreten von Depressionen und dem Vorhandensein einer E.D.

Hier ergeben sich Behandlungsoptionen im Bereich der psychotherapeutischen sowie der mittlerweile etablierten Mind-Body-Medizin.

Fazit

Die E.D. ist ein häufig auftretendes, psychosozial belastendes Krankheitsbild mit erheblichen Implikationen auf andere Bereiche der Gesundheit des Mannes. Die Dunkelziffer ist hoch, da nur wenige Betroffene ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Die moderne Medizin hält zwar viele therapeutische Optionen zur Behandlung einer E.D. bereit, doch gerade im Hinblick auf ein aktives Handeln durch eine erste Inanspruchnahme medizinischer Hilfe liegt die Verantwortung bei den Betroffenen.

Ein wesentlicher Faktor ist hier sicherlich die Ent-Tabuisierung dieser Thematik und das Überwinden des mit dieser Situation vergesellschafteten Schamgefühls. Es gibt keinen guten Grund, Erektionsprobleme nicht ernst zu nehmen und dieses Problem bei einem Arztbesuch nicht anzusprechen.

Wie bei vielen anderen Erkrankungen, die durch eine frühzeitige Diagnose gut behandelt werden können, gilt auch für die E.D., dass eine frühe Therapie die E.D selbst und die möglicherweise fatalen Folgeerscheinungen abfangen kann. 

Ein gesundheitsförderlicher Lebensstil sowie ein verantwortungsvoller Umgang mit Stress und Konflikten haben einen nachweislich hohen präventiven Wert.

Dr. med. Dietmar Betz

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