Entfaltung unserer Jungs

Warum so viele Menschen sich selbst nicht leiden können, was das mit der Entfaltung unserer Jungs zu tun hat, warum Männer Bagger lieben und wie Gerald Hüther in nur zwei Wochen komplett von Sächsisch auf Hochdeutsch „switchen“ konnte , all das steckt in diesem Beitrag. Im folgenden findest du das ungekürzte Transkript eines der bewegendsten Vorträge vom MANN SEIN Event 2022. Am Ende findest du auch den Link zu Video.

der besondere Spirit des Events

Ihr Lieben, das ist jetzt das dritte Mal, glaube ich, dass ich hier bin und ich komme jedes Mal wieder so gerne hierher, weil hier irgendwas Besonderes los ist. Ich versuche noch herauszufinden, was es ist. Der John hat es mir vorhin ein bisschen verraten, das ist die einzige Veranstaltung, bei der sich Männer umarmen.

Ich freue mich, dass ich da sein kann. Ich will ein bisschen mit euch über ein Thema sprechen, was sehr aktuell ist. Es geht natürlich immer um die nachwachsende Generation, aber es geht auch darum, wie wir in der gegenwärtigen Situation etwas schaffen, was schon ein bisschen aussichtslos aussieht, nämlich Frieden.

Mir ist das ein tiefes inneres Anliegen, euch allen nochmal das mit auf den Weg zu gehen. Ich hatte damals einen Großvater, der hat mich immer morgens in seine Brotsuppe, wie das hieß, trockenes Brot und dann so Malzkaffee, hat er mich da mit drei, vier, fünf Jahren auf seinen Schoß gesetzt, um sechs, da war noch keiner wach, nur ich und der. Und dann hat er mir erzählt von seinem Leben und er hat mir erzählt, wie er im Ersten Weltkrieg gewesen ist und wie furchtbar das gewesen ist.

Und da habe ich etwas verstanden, was viele offenbar bis heute noch nicht verstanden haben. Wenn man ein friedlicher Mensch werden möchte und dazu beitragen möchte, dass Menschen sich nicht gegenseitig ständig in solchen Konfliktsituationen in Bedrängnis und Bedrohung bringen, dann muss man das sehr früh erfahren von emotional zugewandten Menschen. Das kann man nicht in Büchern lesen.

Da muss eine enge Bindung da sein und hirntechnisch heißt das, das was der andere zu sagen hat, muss emotional aufgeladen sein. Das kommt uns nicht an. Das nützt nichts, wenn wir mit unseren Kindern in die Gedenkstätten gehen und es nützt auch nichts, wenn wir denen ständig erzählen, wie schlimm Krieg ist.

Das kann nur jemand erzählen, der das selbst erlebt hat. Und das nennt man transgenerationale Weitergabe von Erfahrungen. Wir wären alle verloren auf dieser Welt, wenn wir in jeder Generation immer wieder die gleichen Erfahrungen immer wieder neu machen müssen.

Und deshalb verfügen wir als Menschen über diese einzigartige Fähigkeit, unseren Kindern das Wichtige, was wir im Leben erfahren haben, so weiterzugeben, dass es für die so ist, als hätten sie es selbst erfahren. Und das hat nichts mit Kognition zu tun. Das ist ein Gefühl.

Und dieses Gefühl, das ist ja bei einer Erfahrung grundsätzlich so, dass die einen kognitiven und einen emotionalen Anteil hat. Und erst wenn beides gleichzeitig aktiviert wird, dann bleibt das da oben als Erfahrung hängen. Und daraus wird dann aus diesen Erfahrungen, die man dann so macht, dann wird dann eine innere Einstellung und eine Haltung.

In dem Falle dann vielleicht wie eines friedliebenden Menschen. Und darüber möchte ich ein bisschen mit euch reden heute und wie wir es schaffen, unsere Kinder so zu begleiten als Männer, dass sie diese innere Haltung herausbilden, die es braucht, damit wir in Zukunft nicht weiter diesen wunderschönen Planeten mit der Vielfalt an Lebensformen, die da über Jahrmillionen entstanden sind, zu ruinieren. Ich habe vor einiger Zeit ein Interview gehört mit einem, eine Journalistin sprach mit einem Professor für Sprachwissenschaft.

Und dann fragte sie ihn, und sagen Sie mal Herr Professor sowieso, was haben Sie denn für eine Meinung zu dem Gendern? „Gendern“, sagte er, „ja, was soll ich da für eine Meinung dazu haben? Wir haben jetzt ja schließlich schon seit fast 80 Jahren keinen Krieg mehr“. Da war die vollkommen perplex. So hatte ihr noch gar keiner geantwortet.

Und er sagte, „was meinen Sie denn damit“? Dann sagt er, „haben Sie das noch nicht verstanden? Wir haben in unserer Gesellschaft, speziell hier im Westen, noch nie über Generationen hinweg, noch nie gelernt, wie man friedlich miteinander umgeht. Es ist immer Konflikt. Immer sind wir dabei, andere auszustechen, besser zu sein als andere, andere über den Tisch zu ziehen, unsere eigenen Vorteile aufgrund, auf Kosten von anderen zu verfolgen.“

Das macht jeder Einzelne. Das passiert oftmals in Partnerschaften. Das passiert natürlich in unseren Bildungseinrichtungen.

Überall kämpft man um Anerkennung. Überall kämpft man um Erfolg. Und immer geht das auf Kosten von anderen.

Und deshalb sind wir Meister, wenn es darum geht, uns gegenüber anderen durchzusetzen. Aber wie wir mit anderen einen Konsens finden, wie wir mit anderen uns zusammentun, um die Probleme dieser Welt zu lösen, das haben wir einfach nicht gelernt. Und wenn man nichts weiter kann, als immer nur Konflikte zu schüren, fällt einem dann nach 80 Jahren dann am Ende nichts Dümmeres ein, als einen Konflikt nach dem anderen herauf zu beschwören, bis am Ende eine Situation entstanden ist, wie wir sie jetzt haben.

Wo man fast sagen muss, es scheint ja so wie vor dem Ersten Weltkrieg zu sein, als ob alle schon darauf warten, dass es bald losgeht. Und keiner noch an die Möglichkeit denkt, dass man das Ganze doch eigentlich gar nicht will. Es ist denen damals auch so gegangen.

Und deshalb dachte ich, ist es doch ganz nett, wenn wir mal miteinander darüber reden, wie man diesen Frieden dann in die Herzen unserer Kinder legt. Und als Hirnforscher habe ich es relativ leicht, weil für so eine der großen Erkenntnisse der Hirnforschung ja die Tatsache ist, dass unser wunderbares menschliches Hirn das ganze Leben lang formbar ist. Es kann sich immer umbauen.

Es gibt keine genetischen Programme, die uns zum Krieger machen. Es gibt keine genetischen Programme, die uns diese Vorstellungen, mit denen wir alle rumlaufen, ins Hirn bauen, sondern das machen wir alle selbst. Und die genetischen Programme helfen uns lediglich, ein Hirn herauszubilden, mit dem man so unendlich viel lernen kann, dass wenn ich beispielsweise bei den Inuit am Polarkreis groß geworden wäre, ich alles könnte, was die dort auch können.

Also man kann mit diesem wunderbaren menschlichen Hirn sich an jedem Ort der Welt, wo es andere gibt, die erwachsen sind und die sich dort auch schon zurechtfinden, kann man alles lernen, was man braucht, um sich eben in dieser Gegend auch zurechtzufinden. Wenn das alles nicht genetisch programmiert ist, dann heißt es, dass wir auch nicht das haben, was selbst die Tiere noch haben, nämlich Instinkte und Triebe, angeborene Verhaltensweisen, die uns helfen, uns in der Welt so zurechtzufinden, dass wir ein Leben führen können, was dann dazu führt, dass wir die in uns als Menschen angelegten Begabungen entfalten können. Wir sind also im weitesten oder im besten Sinne alle Suchende.

Wir wissen nicht, wie es geht. Keiner weiß, wie das Leben geht. Wir müssen das alle erst herausfinden.

Jeder Einzelne und natürlich auch gemeinsam, wenn es darum geht, gemeinsam in einer Gesellschaft, in einer Gemeinschaft unseren Weg zu finden. Und ihr wisst alle, wie schnell das geht, dass man sich als einzelner Suchender auf dieser Suche, wie das geht, verirrt. Und ihr wisst auch alle, wie schnell es geht, dass man sich in Familien, in Gemeinschaften bisweilen rettungslos verirrt.

Und manchmal verirren sich auch ganze Gesellschaften. Haben wir alles schon erlebt, müssten wir eigentlich daraus gelernt haben. Und diese Verirrungen, diese Verirrungen erleben wir immer dann, wenn es uns eben nicht gelingt, diesen Prozess der transgenerationalen Weitergabe von Erfahrungen über eine innere Einstellung an unsere Kinder weiterzugeben, die eigentlich gar kein anderes Wort verdient als Liebe.

Wir müssten unsere Kinder mit Liebe begleiten in ihrem Leben. Und das ist auch der Titel dieses Vortrages, den ich heute hier ausgesucht habe. Liebe ist nämlich das unbedingte Interesse an der Entfaltung des Anderen.

Nichts anderes. Das ist die einzige Definition, die ich gefunden habe, wo ich sagen würde, die müsste eigentlich jeder unterschreiben kann. Unbedingtes Interesse an der Entfaltung des Anderen heißt, dass das keine Liebe ist, wenn man sein Kind vor allem beschützt und ihm alle Steine aus dem Weg räumt.

Entfaltung statt Enge: Die Einladung an uns Männer
Es ist auch, wenn man zu zweit mit seinem Partner oder seiner Partnerin auf dem Sofa sitzt und sich freut, wie schön das Leben ist und Händchen halten, Fernsehen guckt, das ist auch keine Liebe. Liebe bedeutet eben, dass man, egal wie der Andere ist und wie der sich gerade verhält und was der da gerade anhat und was der da äußert, das bedeutet, dass man bereit ist, alles dafür zu tun, dass der Bedingungen vorfindet, die ihn einladen, ermutigen und inspirieren, sich den Blick noch mal ein bisschen weiter zu machen, noch mal eine neue Beziehung einzugehen, noch mal sich zu öffnen für das, was es da draußen gibt. Im Grunde genommen die Liebe zum Leben zu entdecken und diese Vielfalt und Schönheit dieser Welt in sich reinzulassen.

Das ist das, was wir eigentlich tun müssten und wenn uns das so schlecht gelingt oder in der Vergangenheit so schlecht gelungen ist, dann hat das wohl damit zu tun, dass es nur sehr wenige Menschen gibt, die diese Art von unbedingtem Interesse an der Entfaltung des Anderen aufbringen. Mit anderen Worten, wir sind eine extrem lieblose Gesellschaft geworden. Und dann kann man natürlich sagen, das wisst ihr ja auch alle, das war ja eigentlich auch noch nie besser.

Schon immer haben Menschen sich gegenseitig verprügelt und haben sie sich gegenseitig verbrannt und erschossen und sonst wie gequält. Das heißt also, das ist offenbar ein menschheitsgeschichtliches Phänomen und deshalb bin ich so froh, dass ich so alt geworden bin und heute hier bei euch noch stehen kann, weil ich in meinem ganzen Leben noch nie so eine interessante Phase in der Menschheitsgeschichte erleben konnte. Ich ahne nur, dass es so eine Phase ist, aber ich bin froh, dass ich mit dabei bin.

Da bricht uns im Augenblick etwas zusammen, was über Generationen hinweg immer wieder in der gleichen Weise reproduziert worden ist und wir stehen jetzt da und wissen noch nicht genau, wie es weitergeht. Nebenbei gesagt, die Frauen auch nicht. Also hätten wir jetzt die Möglichkeit, uns noch mal das genauer anzuschauen, könnten wir vielleicht auch Wege finden, wie wir aus dieser Problematik herausfinden.

Und es gibt drei Gründe, die uns Männer dazu bringen, dass wir uns in der Vergangenheit nicht so sehr hervorgetan haben, wenn es um die Frage des liebevollen Umgangs mit anderen geht. Das darf man ja auch gerne mal zugeben, dass wir da ein bisschen ein Problem damit hatten. Also ich fange mal ganz vorne an.

Es hängt damit zusammen, dass wir kein zweites X-Chromosom haben. Hätte keiner gedacht. Also noch ein bisschen biologischer.

Es gibt keine Chromosomenstörung bei Menschen, die mit dem Leben vereinbar ist, wo nur ein Chromosom da ist. Wenn irgendein Chromosom fehlt von diesen ganzen und die nicht alle doppelt sind, ist nix. Und das hängt damit zusammen, dass die Zellen offenbar, wenn sie die einzelnen Bereiche aus dem Genom, also von der DNA abschreiben und auf dem einen Chromosom es nicht so gut ist, weil es sich mutiert hat oder verändert ist, nehmen sie das andere.

Und wir Männer sind nun von der Natur so ausgestattet worden, dass wir kein zweites X-Chromosom haben. Das ist ein relativ dickes Ding, dieses X-Chromosom. Da steht sehr viel drauf.

Und anstelle dieses X-Chromosom haben wir ein Y. Das ist so ein kümmerlicher Apparat, der im Wesentlichen nicht mehr Informationen enthält als die, die man braucht, damit man die ursprüngliche Gonadenanlage so umgestalten kann, dass daraus ein männliches Geschlechtsorgan wird. Das war es dann aber auch schon. Und wenn jetzt auf diesem einem X-Chromosom, was uns Männern da verblieben ist, irgendwas nicht stimmt, ist es so, als hätte man sozusagen kein Reserverad dabei.

Und ich kann euch versprechen, bei euch allen ist irgendwas nicht in Ordnung auf diesem einen X-Chromosom. Und kein Reserverad dabei. Und das führt dazu, dass Jungs schon vorgeburtlich so eine Art konstitutionelle Schwäche mit auf die Welt bringen.

Warum Jungs von Anfang an anfälliger sind

Das heißt, wenn irgendwas schief geht, das wissen alle Hebammen, fragt aber keiner mehr. Wenn irgendwas schief geht während der Schwangerschaft, haut es die Jungs weg, die Mädchen überleben es meistens. Wenn wir eine Frühgeburten haben, dann ist es für die Menschen in dieser Frühgeburtenstation viel schwerer, die Jungs am Leben zu erhalten als die Mädchen.

Wenn es den Frauen während der Schwangerschaft richtig beschissen geht, kommen weniger Jungs zur Welt, weil die das nicht aushalten intrauterin mit ihrer schon vorgeburtlich vorhandenen konstitutionellen Schwäche. Wenn dann noch eine ungünstige Bedingung während der Schwangerschaft dazukommt, haut es die weg. Sodass man also davon ausgehen muss, dass wir als kleine Männer auf die Welt gekommen sind mit diesem einen X-Chromosom anfälliger als die anderen, mit den Zweien, in Klammern, die Natur hat das absichtlich gemacht, weil sie hat es besonders gern, vor allen Dingen die Männer mit einem Handicap auszustatten.

Biologie als Handicap – und was wir daraus lernen können

Also kennt ihr alle diese Riesenschwänze bei den Pfauen oder diese Riesengehörne. Das dient dazu, dass nur diejenigen, die trotz dieses Handicaps am Leben bleiben, in die Reproduktion gehen. Die Frauen suchen sich dann auch nur die aus mit dem größten Geweih und dem größten Schwanz.

Und dann hat einer, der dieses Handicap nicht einigermaßen kompensieren konnte durch entsprechend cleveres Verhalten, der hat dann eben keine Chance, den haut es weg. Nützt der schönste Schwanz nichts, wenn du nicht gelernt hast, dich vor dem Fuchs da in Sicherheit zu bringen. Und das hat dann eben zur Folge, dass kleine Jungs schon, wenn die auf die Welt kommen, daran erinnern wir uns jetzt alle nicht mehr so ganz genau, aber als Großvater oder als Eltern, als Väter könntet ihr das immer wieder beobachten.

Wenn Männer den Bagger lieben – und warum das wichtig ist

Kleine Jungs, da könnt ihr machen, was ihr wollt, interessieren sich irrsinnig für alles, was groß und stark ist. Die haben sozusagen eine innere Affinität zu etwas, was ihnen in ihren Augen Halt bietet. Da können die Eltern hundertmal versuchen, denen da irgendwelche Perlenketten zu geben und irgendwelche Puppen.Nein, wenn da ein größeres Gerät irgendwo rumsteht oder wenn da draußen ein Bagger fährt oder wenn da irgend so ein Polizeiauto hupt, dann sind die mit der Aufmerksamkeit sofort dort und natürlich orientieren sie sich auch fast zwanghaft oder nennen wir es mal anders, sie orientieren sich nicht zwanghaft, sondern weil sie anders gar nicht überleben können an denen, die in ihren Augen beim Aufwärtswachsen eine besondere Stärke haben, die also irgendwie auffällig kräftig sind, die sich gut durchsetzen können. Und wenn man dann solche Vorbilder findet, die sich so richtig durchsetzen, also zum Beispiel ein Vater, der in der Familie wie ein Tyrann alle verprügelt, erzieht den Sohn nicht zum Prügler, aber der Sohn wird zwangsläufig feststellen, dass hier einer in der Familie unterwegs ist, der sich supergut durchsetzt. Das ist sozusagen, die Kinder suchen nicht nach irgendwas, sie suchen nach Lösungen für Probleme.

Papa, der heimliche Held (oder Tyrann)

Und das Leben hat ja immer Probleme. Es gibt diesen Zustand, wo alles passt ja nie. Also wird es immer wieder Situationen geben, wo der Kleine feststellt, was mache ich denn jetzt? Und guckt der Papa an und sieht, Papa haut dem anderen einer aufs Maul, setzt sich durch und dann eignet sich das Kind diese Lösungsstrategie an.

Das ist nicht Prägung, das ist nicht Erziehung, sondern das ist eine aktive Leistung des Kindes, die sich an dem orientiert, was den Vater in der Situation, in diesem Familienkontext erfolgreich macht. Und das ist auch richtig so, das wäre ja, wir würden ja, so ein Kind wäre ja völlig bescheuert, wenn es sich am Loser orientieren würde. Also ist das schon mal ein wichtiger Hinweis, den wir uns mitnehmen können, dass die Jungs vor allen Dingen sich unglaublich stark an Vorbildern orientieren, die aus ihrer Betrachtungsweise erfolgreich sind, was immer das dann sein mag.

Sandkasten-Machos: Der kleine Boss von morgen

Und es ist dann so, dass sie sich diese Verhaltensweisen zu eigen machen und dann sind sie ja auch manchmal wieder erfolgreich. Also wenn der Papa schon ein toller Oberarzt geworden ist an der Klinik und dem geht es da gut und der kann die ganze Familie super ernähren und scheint sich auch ganz wohl zu fühlen, kann das durchaus passieren, dass man als Junge auf die Idee kommt und will dann auch so einer werden. Und dann eignet man sich all das an, was man bei dem Papa da so vorfindet und was man da bewundert und dann macht man es genau so wie der.

Also wenn man dann so manchmal kleine Jungs sieht, dann sieht man das ja schon im Sandkasten, dass die offenbar irgendwo gesehen haben, dass das durchaus erfolgreich ist, wenn man anderen die Sachen alle wegnimmt und die anderen sozusagen vor seinen Karren spannt und man macht dann den kleinen Anführer in der Peergroup und wenn man erstmal so ein Anführer in der kleinen Kindergarten-Peergroup geworden ist, der immer anderen sagt, wo es lang zu gehen hat, weil man schon einen Vater hat zu Hause, der auch so unterwegs war, dann kann das durchaus sein, dass so ein Kind durchaus erfolgreich ist in der heutigen Welt. Das könnt ihr euch alle selbst überlegen. Ihr habt alle nach solchen Vorbildern euer Leben ausgerichtet und es auch mehr oder lange durchgehalten und manche sind auch damit sehr erfolgreich gewesen, diese Verhaltensweisen einfach zu übernehmen und sie dann selber einzusetzen und am Ende hat man dann, wenn man das so macht, dass man immer, wie das in unserer Gesellschaft ja sehr häufig passiert, andere Menschen für seine Zwecke benutzt, sie zu Objekten, seine eigenen Absichten und Ziele macht, kann es durchaus sein, dass man sehr erfolgreich ist und dann hat man eine große Chance, damit immer besser zu werden, immer besser und immer cleverer, sich in den Gemeinschaften durchzusetzen, immer mehr Anerkennung zu finden und dann wird man am Ende, wenn man Pech hat, auch noch eine Führungspersönlichkeit in der Wirtschaft oder in der Politik.

Gefangen im Erfolg: Wenn Stärke zur Falle wird

Und das ist deshalb, sage ich, wenn man Pech hat, weil es sehr schwer ist, aus solchen Mustern wieder raus zu kommen, wenn man auch noch erfolgreich damit unterwegs ist. So, das ist jetzt die eine Schiene, die uns dazu verleitet, in einer Gesellschaft uns anzustrengen und erfolgreich zu sein. Wir brauchen das, insbesondere als Männer, damit wir Halt finden in dieser Welt, damit wir diese konstitutionelle Schwäche durch erfolgreiches Auftreten, wie ihr an mir sehen könnt, überwinden können.

Wunderbar. Das ist aber noch nicht alles. Es kommt noch etwas Zweites dazu.

Kriterien der Partnerwahl Männer vs Frauen.

Und das ist die Problematik, die unseren Frauen nicht so sehr gefällt, wenn ich das denen erzähle. Aber euch kann ich es jetzt mal verraten, ohne dass die hier dabei sind. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, nach welchen Kriterien Männer und Frauen, David Buss heißt der Mann, der hat das weltweit untersucht, nach welchen Kriterien Männer und Frauen ihre Fortpflanzungspartner, nicht die Sexualpartner, aber die Fortpflanzungspartner aussuchen.

Also was sind die Kriterien eines Mannes für die Fortpflanzung? Und was sind die Kriterien einer Frau für die Fortpflanzung, nach der sie dann den Partner auswählt? Mit den Männern bin ich schnell fertig, da steht ziemlich weit oben ein Begriff, der heißt im Englischen Physical Attractiveness, die muss gut aussehen. Was immer das heißt, hat aber eine Konsequenz, weil wenn man jetzt, das geht ja jetzt schon seit 10.000 Jahren so und möglicherweise sogar noch länger, wenn man über solche langen Zeiträume als Männer immer wieder die hübschesten Frauen aussucht, wisst ihr was das ist? Das ist Zuchtwahl. Und wisst ihr, was dabei rauskommt? Immer schönere Frauen.

Also die Frauen verdanken ihre Schönheit uns. Das mag jetzt so sein, dass ihr das nicht glaubt, aber das gilt natürlich auch für bestimmte Kulturkreise. Also das gibt es auch in einem bestimmten Kulturkreis, wenn man da groß wird, dann mag man auch mehr als Mann Frauen, die die Erwartungen da erfüllen.

Das ändert sich auch im Augenblick, sehen wir auch da schon wieder Veränderungen, aber das ist praktisch auf der ganzen Welt überall. So Männer suchen sehr stark nach Physical Attractiveness aus und Frauen, dreimal dürft ihr raten. Social Status heißt das.

Das muss nicht unbedingt Geld sein, aber der muss was hermachen. Der muss erfolgreich sein in der Gesellschaft, der muss sich behauptet haben, der muss eine bestimmte Position erreicht haben. Die Biologen sagen, das muss einer sein, von dem sie erwarten können, dass der sich ein bisschen um die Kinder und um die Familie kümmert.

Und nach diesem Kriterium suchen sie die Männer aus, also die Erfolgreichen in einer Wettbewerbsgesellschaft. Ergebnis davon ist, über 10.000 Jahre immer diejenigen auszulesen, die sich am besten gegenüber anderen durchsetzen, können wir heute beobachten. Männer werden immer cleverer in der Nutzung ihrer Ellenbogen und in der Erreichung von sozialem Status.

Das ist genau das, was die Frauen an uns Männern heutzutage auch beklagen. Das nennen sie dann Patriarchismus oder Machismus oder wie was immer da für Begrifflichkeiten verwendet werden. Aber sie können am Ende das, was sie ausgesucht haben, gar nicht mehr leiden.

Das ist auch doof. Und dann gibt es noch einen dritten Grund, weshalb Männer in diese Konkurrenzgesellschaft so gut reingehen und dann auch sich die Ideale einer Leistungsgesellschaft so gern zu eigen machen. Nicht nur, damit sie innere Stabilität bekommen, nicht nur, damit sie einen guten sozialen Status erreichen, der sie dann attraktiv für die Frauen macht.

Männer wollen etwas hinterlassen

Der dritte Grund ist schwierig. Der hat was mit der Sinngebung des eigenen Daseins zu tun. Man möchte nicht gerne nach dem Tod einfach nur weg sein.

Man möchte gerne was hinterlassen. Für die Frauen ist das kein Problem. Die wissen, dass sie Kinder, die müssen nicht immer Kinder kriegen, aber sie wissen, dass sie welche kriegen können.

Deshalb bleibt von den Frauen nach dem Abscheiden oder Dahinscheiden immer was übrig. Von Männern bleibt nichts übrig. Also sie haben das Kind ja nicht auf die Welt gebracht.

Sie haben es gezeugt, aber das war es dann auch. Und das weiß man auch als Mann, dass man nicht so einen großen Beitrag geleistet hat zu dem, was da ein Kind, ein Baby auf die Welt gekommen ist. Das führt dazu, dass Männer auf eine andere Art und Weise dafür sorgen müssen, dass sie, wenn sie dahingeschieden sind, noch was von sich übrig, dass da was übrig bleibt auf dieser Welt.

Und das schaffen sie natürlich, indem sie bedeutsame Dinge im Leben hinterlassen. Taj Mahal oder was auch immer das gewesen sein mag. Und da hat man den dritten Grund, weshalb Männer sich so sehr anstrengen.

Und das alles, was man da macht als Mann, hat seine Ursache in der Art und Weise, wie das Hirn organisiert ist. Das ist vielleicht jetzt das Interessante, weil was ich hier erzähle, klingt natürlich alles ein bisschen albern. Aber Tatsache ist einfach, dass das Hirn sich immer wieder so organisiert und auch seine Vernetzung mit den anderen Nervenzellen immer wieder so umorganisiert, dass am Ende ein Zustand rauskommt, wo oben im Hirn alles möglichst gut zusammenpasst.

Die nennt man Kohärenz. Und das ist der Zustand, wo die geringste Menge von Energie verbraucht wird, um die Organisation und die Arbeit des Hirns trotzdem sicherzustellen. Deshalb strebt alles, was lebendig ist, dazu und dahin, dass es in einem sich selbst organisierenden Prozess die Beziehungen seiner Konstituenten so lange herum organisiert und verändert, bis ein Zustand erreicht wird, wo die alle miteinander so gut können, dass möglichst wenig Energie verbraucht wird.

Und das ist bei uns Menschen immer dann der Fall, wenn da vorne und hinten alles zusammenpasst und oben und unten, wenn das Denken, Fühlen und das Handeln eine Einheit bilden, wenn man also auch gut mit sich selbst verbunden ist, wenn man auch in seinem Umfeld Menschen hat, mit denen man sich gut verbunden weiß. Am besten ist es auch noch, wenn man auch noch mit der Natur und der ganzen Welt und meinetwegen auch mit dem Universum in diesem total verbundenen Zustand ist. Das streben wir alle an.

Und das erzählen wir uns ja auch ständig als den Zustand, den wir alle erreichen wollen. Das gelobte Land oder das Himmelreich oder das Paradies und wie man das nennt, das sind alles sozusagen menschliche Erzählungen davon, wohin man gern möchte. Ein Zustand, wo alles zusammenpasst, ist nebenbei auch der glücklichste Zustand, den man erreichen kann, wenn da wirklich mal alles da oben zusammenpasst.

Und was wir uns nicht so ganz klar machen, ist, dass das natürlich nicht geht. Das ist genau das Kennzeichen des Lebens, dass es nie passt und dass es immer irgendwie was gibt, was einen stört. Also wenn ich die Augen aufmache und da irgendwie das Licht auf meine Netzhaut kommt, ist schon die Störung da.

Da muss ich die wieder zumachen, muss gucken, dass ich das so. Also dafür ist aber schon viel gelernt. Aber so geht es dann das ganze Leben lang.

Was wir lernen im Laufe des Lebens ist nichts anderes, als uns so umzuorganisieren, dass wir immer wieder in der Lage sind, eine entstandene Inkohärenz, die dadurch entsteht, dass irgendwas auf uns einwirkt, was wir jetzt, was das da oben durcheinanderbringt, dass wir eine solche entstandene Inkohärenz wieder kohärenter machen. Das heißt, wir eine Lösung suchen. Und immer, wenn uns das gelingt, werden im Hirn diese Bereiche aktiviert, die die Hirnforscher dann Belohnungszentrum nennen und es werden Botenstoffe ausgeschüttet.

Da gehört das Dopamin dazu, aber auch noch endogene Opiate. Und die regen dann wieder die Freisetzung von Wachstumsfaktoren an. Und die führen dazu, dass die Nervenzellen, die man jetzt gerade benutzt hat, um das Problem zu lösen, noch mal in die Lage versetzt werden, neue Fortsätze auszubilden, neue Verbindungen auszubilden und die bestehenden Verbindungen fester zu machen, sodass man dann, wenn man eine Lösung gefunden hat, beim zweiten Mal das schon viel besser hinkriegt.

So haben wir Fahrradfahren gelernt, so haben wir sprechen gelernt, laufen gelernt, alles haben wir auf diese Art und Weise gelernt. Und immer mit diesem wunderbaren Erfolgserlebnis einen inkohärenten Zustand in einen Kohärenten überführt und dabei gelernt, wie es geht. Und das wird dann im Hirn oftmals sogar richtig automatisiert.

Und so arbeiten wir uns dann durchs Leben. Und was wir dann erkennen können und wo ihr euch dann hier für den Rest der Tagung auch gegenseitig befragen können könnt, ist, dass im Hirn nicht die Probleme verankert werden, mit denen man rumläuft und mit denen man konfrontiert wird, sondern die Lösungen. Und jetzt dürft ihr gucken, was ihr für Lösungen für die Probleme gefunden habt.

Vor allen Dingen während der frühen Phase, als ihr noch nicht so ganz alles im Griff hattet. Und dann hat man manchmal eben schon als Kind eine Lösung übernommen von den anderen oder eine Lösung gefunden, die ist in dem Moment, wo man das einsetzt, richtig. Aber das kann für das ganze Leben schwierig werden, mit dieser Lösung immer rumzulaufen.

Aber wenn man sie erst mal gefunden hat, setzt man sie ein. Und das ist ja erfolgreich. Und dann wird die Verschaltung im Hirn gebahnt und dann werden die Menschen zu Opfern der Lösungen, die sie gefunden haben.

Das ist schön, weil das zeigt, dass nicht einer von außen kommt, sondern dass man das alles sich selbst, diesen ganzen Schrott selbst ins Hirn gebaut hat. Diese Sonderplanlösung. Und dann darf man ein bisschen nachgiebig zu sich selbst sein.

Dann darf sagen Okay, damals ging es nicht anders. Musste ich so, musste ich dann. Was habe ich denn für eine Lösung? Ich habe eine dieser Lösungen, die ich habe, ist, dass ich immer dann, wenn ich Probleme habe, heute noch, also zum Beispiel mit meiner Frau, gibt es ja auch, dass man da mal heftige Probleme, dann erlebe ich plötzlich, wie ich in mein Arbeitszimmer gehe und aufräume.

Also statt mit der zu reden und das zu klären, gehe ich ins Arbeitszimmer und räume auf. Jeder von euch hat irgend so was, eine Macke. Aber es ist keine Macke, sondern das ist eine Lösung, die man sich sehr früh ins Hirn gebaut hat.

Ich weiß schon, warum ich die da drin habe in meinem Hirn. Meine Mutter hat mich immer besonders liebgehabt, wenn ich aufgeräumt habe. Es gab nämlich damals noch keine Kinderzimmer und das war eine Ecke im Wohnzimmer oder in der Küche.

Und wenn es da so ganz wild zu ging, hat sie mir immer gesagt, Gerald sei doch bitte so lieb und räume ein bisschen auf. Und weil ich meine Mama so sehr geliebt habe, habe ich aufgeräumt. Und ich fürchte fast, dass ich deshalb auch Naturwissenschaftler geworden bin, der alles gerne ordnet und auf die Reihe bringt.

Und ich mache das dann auch sehr oft, dass ich mit Menschen darüber rede, weil das ist nicht schwer. Wir sind alle Suchende. Keiner weiß, wie es geht.

Man kann sich verirren. Und wie hast du dich verirrt? Was hast du für eine Lösung gefunden, die damals okay war, aber heute schon längst nicht mehr? Manchmal ist Papa und Mama schon längst tot. Und du machst immer noch so weiter.

Und das kann man dann ändern, wenn man möchte. Weil das ist ja dann die nächste große Botschaft der Hirnforscher. Das ist nicht nur während der Kindheit so, dass da so vieles angelegt wird im Hirn an Vernetzungen, mit denen man alles Mögliche lernen kann, sondern wenn man sich verrannt hat, wenn man sich verirrt hat, wenn man sich verwickelt hat in seine eigenen Lösungen, ist es nicht so schlimm.

Kann man ändern. Müsste man nur eine Gelegenheit dazu haben. Ein Grund.

Also man kann alles im Hirn ändern, wenn man einen Grund hat. Ich habe z.B. eine wunderschöne eigene Geschichte, die für einen Hirnforscher wie mich fast unerklärlich ist. Und zwar komme ich aus der ehemaligen DDR und bin 79 abgehauen.

Dann bin ich mit viel Glück und vielleicht habe ich auch irgendwie, ich weiß nicht warum, also ich bin im Max-Planck-Institut gelandet. Das war der helle Wahnsinn. Ich konnte plötzlich arbeiten wie ein Verrückter.

Ich konnte alle Sachen bestellen, ich konnte alle Experimente machen. Und dann hatte ich nach einem halben Jahr auch tatsächlich irgendwas rausgekriegt. Das wurde dann publiziert.

Und dann gab es im Norddeutschen Rundfunk eine Wissenschaftssendung, Logo, immer abends um neun. Und die riefen dann in dem Max-Planck-Institut bei mir an und sagten, Sie haben doch diese wunderbare Entdeckung gemacht. Wollen wir nicht ein Interview machen? Ja, wunderbar, gerne.

Ich will ein Interview über diese großartige Entdeckung, irgendwas mit Ratten machen; ich weiß nicht mehr, was es war. Aber man macht dann das alles so, da ist ein Erfolg drin. Und dann habe ich natürlich abends um neun vor dem Radio gesessen und die Wissenschaftssendung Logo mir angehört.

Und dann kam ich auch gleichzeitig erst da dran. Und da sagte der Herr Hüther, schönen guten Abend. Ja, guten Abend, wie geht’s so? Sie haben doch so eine großartige Entdeckung gemacht.

Erzählen Sie mal, wie haben Sie das denn gemacht? Mit den Ratten, da haben wir das so gemacht und dann haben wir das gemacht. Und ich saß vor diesem Radiogerät und ich habe nicht gewusst, dass ich so sächsisch rede. Ich habe mich da gehört und ich bin in den Boden versunken.

Es hat mich tief emotional mitgenommen. Ich war in einer großen Inkohärenz. Und weil ich mir das gar nicht vorstellen konnte, dass ich so blöd rede.

Vom Dialekt zum Hochdeutsch: Wie Männer sich neu erfinden können

Und dann habe ich an dem Abend mich dazu entschlossen, Hochdeutsch zu reden. Und jetzt haltet euch fest, ich habe seit dieser Zeit nie wieder sächsisch geredet, außer wenn mich meine Frau geärgert hat und ich die Kontrolle verliere über dieses Sprachzentrum. Aber das müsst ihr euch mal überlegen.

Das ist ein ganz früh ausgebildetes Muttersprachenzentrum, was natürlich mit dem Dialekt behaftet ist. Und dann kann ich einfach von heute auf morgen sagen, Schluss damit. Die Kartoffel aus dem Mund nehmen, die die da in Thüringen alle drin haben und kann die Vokale aussprechen, die Endungen aussprechen.

Und das dauert nur eine Woche, wo ich wirklich mir bei jedem Satz sagen, überlegen muss, wie ich den Hochdeutsch spreche. Und nach einer Woche ist es fertig. Da habe ich mein ganzes Zentrum da oben umgebaut.

Erzählt das mal dem Bayern, dass der seine Sprache ändern könnte. So, und dann, das macht auch ein bisschen deutlich, dass wir uns gegenseitig immer einreden, dass es nicht geht. Und wenn ich davon überzeugt bin, dass es nicht geht, dann geht es auch nicht. Also, als Beispiel gebe ich euch das nur mit, damit ihr ahnt, was da alles geht, wenn sogar so ein uraltes Zentrum wie das Muttersprachenzentrum da oben nochmal umgebaut werden kann.

Das heißt, es kannst du fast alles umbauen. Und diese Bereiche im Hirn, die am Anfang ausreifen, das sind ja Bereiche, die reifen in den vorgeburtlichen Phasen und dann vor allen Dingen auch in den ersten zwei, drei Lebensjahren aus. Und in dieser Zeit sind wir ja alle noch als kleine Entdecker und Gestalter unterwegs gewesen.

Begeistert von der Welt. So, und haben alles alleine gelernt. Keiner hat uns gesagt, wie das hat uns Laufen gelehrt, sondern wir wollten wie Mama und Papa auf zwei Beinen und dann haben wir eben geübt und haben probiert.

Und durch spielerisches Ausprobieren ist irgendwann hingekriegt, dass wir uns da an dem Tischbein hochgezogen haben und dann haben wir gestanden. Genauso ist es mit der Sprache, mit dem Fahrradfahren, mit dem Schwimmen. Man kann nehmen, was man will.

Das haben wir in dieser frühen Phase alle selbst gelernt und wir hatten damals das Gefühl, dass wir so, wie wir sind, tatsächlich bedingungslos angenommen werden, dass wir dazugehören. War eine Illusion, aber haben wir alle geglaubt. Und wir hatten auch das Gefühl, dass wir unser zweites, das ist ja das eine Grundbedürfnis, das nach Verbundenheit, das war da total gestillt, bei fast allen.

Und das zweite Grundbedürfnis ist das nach eigenen Gestaltungsmöglichkeiten, nach Autonomie, später nennt man das Freiheit. Das hatten wir damals auch. Und diese frühen Erfahrungen, die sitzen unten drunter.

Und dann ist es uns erst passiert, dass die Eltern und Erwachsene und Peers und wer nicht alles an uns angefangen haben, herum zu machen und uns deutlich gemacht haben, dass wir so, wie wir sind, nicht richtig sind. Dass wir das noch ändern sollten. Und hier müssen wir noch was lernen.

Und da müssen wir es noch anders aussprechen. Und da müssen wir uns noch anders hinstellen. Und da müssen wir den Stift anders halten.

Und damit haben sie uns zum Objekt ihrer Absichten und Ziele, ihrer Belehrungen und Bewertungen und am Ende auch noch ihrer Maßnahmen gemacht. Und wenn man das erleben muss als Kind, haben wir alle hinter uns gebracht. Aber wir haben es damals erleben müssen in dieser Phase, als wir doch die ganze Zeit als Subjekt, als eigene Gestaltung unterwegs waren.

Und plötzlich kriegst du gesagt, dass du so, wie du bist, nicht richtig bist. Und dass das, was du da gestaltest, so nicht richtig ist. Dann ist das eine tiefe, schwerwiegende Inkohärenz, die man dann im Hirn kriegt als Kind.

Und man hält das nicht lange aus. Also ich könnte auch sagen, es gibt ja auch Studien, die das zeigen. Wenn man in so eine schwere Belastungsstörung kommt, wo das so inkohärent wird, da stirbt man.

Und deshalb haben wir auch alle eine Lösung gefunden. Und die Lösung heißt dann eben, ich mache alles so, wie Mama und Papa das sagen, es wird schon richtig sein. Ich gucke, wie ich hier durchkomme.

Und sehr häufig die Lösung, ich gucke so, wie die anderen das machen, mich zum Objekt, dann mache ich die auch zum Objekt. Wunderbar. Und jetzt bin ich in der Welt der Erwachsenen angekommen.

Mama sagt zu mir, binde dir bitte die Schuhe zu. Und ich beuge mich runter und sage, blöde Mama. Sie macht mich zum Objekt ihrer Anweisung, ich mache sie zum Objekt meiner Bewertung.

Und wenn ich das weitermache, hängen wir in einer Beziehung. Das ist keine Begegnung mehr, die da stattfindet, sondern es ist eine Objektbeziehung, wo einer den anderen zum Objekt macht. Und beide tun einander damit weh.

Aber sie können nicht anders, weil es unter den gegebenen Bedingungen eben so ist, dass die Erwachsenen glauben, sie müssten uns alles beibringen und müssten ihre Vorstellung davon, worauf es im Leben ankommt, mit unserer Hilfe umsetzen. Und dabei ist es klar, dass man dann immer wieder Lösungen findet, wie ich, der kleine Aufräumer. Und jeder auf seine Weise da irgendwelche Lösungen findet.

Eine Lösung kann auch sein, dass man das Bedürfnis in sich unterdrückt, überhaupt noch dazugehören zu wollen. Solche Kinder kenne ich auch. Die sagen, die können mich mal am Arsch lecken.

Und es gibt auch welche, die wollen da nichts mehr gestalten. Die wollten erst noch, vielleicht auch in der Schule, und haben da gemalt und sonst was für Dinge gemacht. Und dann wurde ihnen gesagt, jetzt ist hier kein Zeichenunterricht, jetzt ist Mathe, setz dich hin und mach Mathe.

Ja, was willst du denn da machen? Das ist inkohärent, das tut weh. Und das Einzige, was dir dann hilft, ist dein Bedürfnis, dich jetzt zeichnerisch oder kreativ zu betätigen, musst du so lange unterdrücken, wie es nur geht. Und manche haben das so gut gelernt, dass die das dauerhaft unterdrückt haben.

Und dann kannst du als Schüler alles machen, was der Lehrer von dir verlangt. Und dann kriegst du 1,0 im Abitur. Dumm gelaufen.

Ich sage dann immer den Eltern, Leute, guckt euch doch, ihr habt doch sicher alle irgendwie ein paar Leute, die ihr so bewundert für das, was die geleistet haben. Also was weiß ich, der Einstein oder Albert Schweitzer oder Steve Jobs oder keine Ahnung. Ich sage, geht nach Hause ans Internet und guckt euch die Schulbildung dieser Leute an.

Weil ich genau weiß, wenn Sie sich das angucken, werden Sie feststellen, alles Gescheiterte in der Schule. Keiner davon Abitur 1,0. Alle Querdenker, das darf man ja heute gar nicht mehr sagen.

Alle welche, die nicht in die Schule passten und die sich diesem System verweigert haben. Aber dadurch sind sie das geworden, was sie geworden sind. Und das Schlimmste, glaube ich, was einer Gesellschaft passieren kann, ist, dass sie den Eigensinn ihrer Kinder bricht und sie zu Mitläufern macht.

Weil es dann irgendwann mal kaum noch einen gibt, der sagt, ich mache das nicht mit. Alle sind dafür, die Mehrheit ist dafür. Alle wollen das, alle finden das richtig.

Das ist auch moralisch genau das. Dann können sie einem genau erklären, warum das nicht anders geht. Und dann latscht man mit rein.

Daran geht eine Gesellschaft zugrunde. Es muss immer welche geben, die sagen, lauft ihr alle, ich nicht, ich bleib stehen. Geht ihr alle nach links, ich gehe nach rechts.

Und umgekehrt. Und dann bräuchte man aber Eltern. Und wir sind ja jetzt unter uns.

Man bräuchte mal Väter, die das auch können. D.h. Väter, die so ganz bei sich sein können. Es geht nicht darum, den Kindern was beizubringen, sondern ihnen etwas vorzuleben.

Nur über dieses Vorbild lernt das Kind, dass das etwas ist, was erstrebenswert ist. Was kohärenzstiftend ist. Und dann übernimmt es das für sich selbst auch als innere Einstellung.

Ja. Und damit können wir uns jetzt fragen, was denn dann das Entscheidende ist, wie wir unsere Jungs in dieses immer kompliziertere Leben so begleiten können. Nebenbei gesagt, wenn ich sage Jungs, nur deshalb, weil ihr gerade als Jungs sitzt, das gilt auch für die Töchter.

Die brauchen euch noch mehr vielleicht sogar als die Jungs. Woher sollen denn die ein Männerbild bekommen, was anders ist als das, was über Jahrhunderte immer wieder transgenerational weitergegeben worden ist, wenn nicht ihr als Väter für diese Töchter den Unterschied macht. Wir haben es in der Hand.

Wir müssten es nur tun. Und es gibt nur einen Schlüssel, wie wir das hinkriegen. Und der heißt, wir müssen aufhören, an unseren Kindern rumzumachen und müssen endlich lernen, sie einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren, sich für etwas zu interessieren, was wir für wichtig halten.

Und ich kann euch sagen, wir sind Meister, wenn es darum geht, Lernprogramme zu erfinden. Meister, wenn es darum geht, so was zu konzipieren, wie man das macht und wie man das unterrichtet. Aber wir sind Dilettanten, Pfeifen, wenn es darum geht, einen anderen Menschen einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren, dass der nochmal was will, was er eigentlich nicht will.

Denn man kann einen anderen Menschen nur einladen, wenn man ihn mag. Sonst ist man ein Dienstleister. Sonst ist man in einer Objektbeziehung.

Ich muss den anderen mögen und dann kann ich ihn auch einladen. Wenn ich dich nicht mag, kann ich dich zu nichts einladen. Dann reden wir nur noch aneinander vorbei.

Und jetzt wird es ein bisschen schwierig. Ich kann aber auch einen anderen Menschen nur mögen, wenn ich mich selber mag. Jetzt wird es interessant.


Männer im Hamsterrad: Erfolg ohne Selbstliebe

Wenn ich mich selber nicht leiden kann, geht es nicht. Und ich fürchte, dass in unserem Land extrem viele Menschen unterwegs sind, auch schon seit vielen, vielen Generationen, die sich alle selber nicht leiden können. Und das ist das, was mich im Augenblick am meisten interessiert, wie es denn passieren kann, dass ein erwachsener Mensch sich selber nicht leiden kann, sich selber nicht mag.

Und dann frage ich die Leute draußen, auf der Straße. Und wir können das hier ja auch machen. Sag ich, magst du dich eigentlich? Hast du so, dass du sagen kannst, ich bin mit mir selbst total glücklich und mag mich.

Ich gehe deshalb auch liebevoll mit mir selber um. Und wenn ich dann diese Frage stelle, ob sie sich leiden können, kriege ich natürlich immer die Antwort, na klar, das gehört irgendwie dazu für die meisten, dass sie sich leiden können. Und dann frage ich, warum.

Leistung statt Leben – das große Missverständnis

Und dann zählen sie mir auf, was sie im Leben alles geschafft haben. Haben sie eine Frau und Kinder und ein Haus und ein Auto und letztes Jahr im Urlaub gewesen. Dann kriege ich eine Aufzählung von lauter Leistungen, die sie mögen, aber nicht sich selbst.

Die wissen gar nicht, was ich gefragt habe. Drei Viertel der Gesellschaft ist so unterwegs. Also bitte probiert es alle selber aus.

Manche, wenn ich dann sage, aber das sind doch nur die Leistungen, die du erreicht hast, das bist du doch nicht. Die wissen gar nicht, wer sie sind, außer ihre Leistungen. Das ist das Einzige, was in ihren Augen zählt.

Das ist auch das Einzige, wonach sie beurteilt und bewertet werden und bisher immer bewertet worden sind. Dass sie sich mögen, weil sie in ihrem eigenen Körper sich zu Hause fühlen, weil sie etwas Inneres haben, was ihnen Mut macht und weil sie ihre ganze Lebendigkeit und ihre Entdeckerfreude in sich noch drin haben. Obwohl das so schwer war, die zu bewahren, das höre ich selten bis gar nicht.

Ich kann es euch noch nicht ganz genau erzählen, aber es scheint so zu sein, dass in jedem Lebewesen etwas Inneres angelegt ist, was diesem Lebewesen hilft, wenn es falsch ist, was da passiert, es wieder zu reparieren. Eine einzelne Zelle, die da draußen als Pantoffeltierchen im Teich herum schwimmt, wenn die an irgendeiner Stelle in ihrem Membran verletzt wird, kriegt die das mit und weiß, was sie tun muss, dass das wieder geheilt wird. Meine Haut, wenn ich mich verletze oder der Knochen, der mir bricht, der Knochen weiß, wie das geht, dass er wieder zusammenwächst.

Dann nützt mir der Arzt nichts. Der Arzt kann mir helfen, dass er Rahmenbedingungen schafft, unter denen dieser Selbstorganisation, der von innen heraus erfolgt, gelingt. Aber der kann mich doch nicht heilen.

Und jetzt ist die Frage, wenn ich an so einem Ameisenhaufen herum rühre, die bauen den wieder auf. Nach drei Tagen sieht er wieder aus wie vorher, wenn ich nicht alles umgegraben habe. Und überall in der Natur sehen wir, wie die Lebewesen in der Lage sind, Zustände, wo sie in ihrer Struktur oder in ihrer Form, in ihrer Funktion gestört worden sind, aus sich selbst heraus wieder zu sich zurückfinden können.

Und jetzt heißt die Frage, was ist denn das bei uns Menschen? Ich weiß noch nicht, wie ich es nennen soll, aber wenn ich das nächste Mal komme, kann ich es auch sozusagen mit einer naturwissenschaftlichen Bezeichnung belegen. Wir nennen es jetzt mal den inneren Ruf oder die innere Stimme, die uns sagt, das ist okay oder das ist nicht okay. Die uns dazu bringt, etwas zu tun und etwas anderes nicht zu tun, weil es mit dieser inneren Stimme, mit diesem inneren Wissen, mit diesem inneren Kern nicht übereinstimmt.

Vielleicht ist es das authentische Selbst. Will ich aber jetzt nicht in die Tiefe gehen, ich will nur erklären und euch fragen, ob ihr das auch kennt. Ich will euch nur erklären, dass es wahrscheinlich unendlich viele Menschen gibt, die durch Situationen durchgegangen sind, wo sie etwas getan haben, wo ihnen die innere Stimme zugerufen hat, du, das ist scheiße.

Und dann haben sie gesagt, Halt’s Maul, innere Stimme. Und wenn man das macht, verletzt man sich selbst. Man verletzt sozusagen das Wertvollste in sich selbst, diese innere Stimme, die einem helfen könnte, wieder zurückzufinden, dorthin, wo es wieder passt.

Und wenn ich das verletze, das ist als ob ich meinen Arm und die Beine und alles gleichzeitig absäge. Und dass ich mich dann, wenn ich das tue, selber dafür, dass ich es getan habe, nicht mehr leiden kann, das ist kein Wunder. Wir müssten mal darüber nachdenken.

Und ich erzähle das ja auch nicht nur so, ich erzähle euch das, damit ihr rausgeht und andere Menschen fragt. Magst du dich? Und kennst du diese innere Stimme? Was machst du, wenn sie ruft und du aber jetzt meinst, du kannst nicht darauf hören, weil es irgendwelche Dinge gibt, die du wichtiger findest, als darauf zu hören? Und dann werdet ihr merken, was das für ein relevantes Problem ist. Und wenn sich jemand selbst nicht leiden kann, weil er sich selbst zu oft unterdrückt hat, in diesem inneren Bereich, dann ist das auch jemand, der ist sozusagen in sich.

Es passt nicht alles gut in dem. Der hat keinen Frieden in sich selbst. Und das ist ein Mensch, der auch den Unfrieden in die Welt trägt.

Jemand, der verwickelt ist, verwickelt andere. Jemand, der in sich diesen Frieden nicht findet und diese innere Gespaltenheit ständig mit sich rumschleppt, der spaltet auch alle anderen. Jemand, der lieblos ist, erzeugt auch lauter lieblose Beziehungen mit anderen Menschen.

Sodass es eigentlich doch total easy ist. Eigentlich könnten wir uns doch alle gegenseitig einladen, ermutigen und inspirieren. Auf das zu hören, was uns unsere Stimme da sagt.

Bei manchen ist das möglicherweise schon so lange unterdrückt worden, dass die kaum noch was hören. Dann muss man eben gemeinsam auf solchen Events sich die Chance geben, da nochmal reinzuhören. Ihr kommt ja gerade aus dem Workshop.

Das alles sind ja solche Augenblicke, wo man plötzlich nochmal merkt, da gibt es hier noch was, was ruft. Und dann könnten wir uns gegenseitig Mut machen. Und dann könnten wir Menschen werden, die nicht immer ständig, weil sie mit ungestillten Bedürfnissen und inneren Spaltungen und allen möglichen Problemen und Verwicklungen herumrennen.

Solche Menschen brauchen immer andere, damit sie ihre eigenen Defizite einigermaßen kompensieren können. Die brauchen andere, die zum Beispiel sie bewundern. Die fordern von anderen Anerkennung.

Die wollen von anderen Geld haben oder irgendwas. Die müssen immer von anderen kriegen, weil sie Bedürftige sind. Wenn ich mich mit mir selbst wieder verbinden kann und ich wieder bei mir selbst angekommen bin und ich wieder Kontakt habe zu diesen Bereichen, die damals entstanden sind in meinem Hirn, bevor ich angefangen habe, da so ein Ich-Konstrukt drüber zu legen, was mir sagt, wann ich was zu tun und zu lassen habe, wenn ich damit wieder Kontakt kriege, dann verbinde ich mich wieder mit mir selbst.

Dann bin ich kein Bedürftiger mehr. Dann bestimme ich, ob ich heute Abend Fernsehen gucke oder lieber Tango tanzen gehe oder was auch immer, was ich esse, mit wem ich mich unterhalte. Dann muss ich nicht alles machen, was da tagtäglich gemacht wird, sondern ich kann mich fragen, will ich das jetzt überhaupt? Tut mir das gut? So einfach heißt die Frage.

Tut mir das gut, was ich jetzt hier gerade mache? Und wenn es mir nicht gut tut, sollte man versuchen, damit aufzuhören. Weil man sonst eben jemand wird, der gegen sich selbst verstößt, gegen sein eigenes Inneres selbst verstößt und dieses authentische Selbst verletzt und Ergebnis davon ist, dass man zu denen gehört, die nicht nur menschliche Beziehungen ruinieren, sondern auch die Natur, auch die anderen Lebensformen und am Ende natürlich auch sich selbst. So einfach, eigentlich.

Wir kriegen es nicht hin. Es gibt drei Möglichkeiten bisher, die wir so haben, um es doch irgendwie zu lernen. Die eine kennen manche von euch, das ist der, wo man immer sagt, wenn es schlimm genug wird, mach das schon.

Das ist schwere Krise. Lass ihn doch mit seiner gebahnten Schaltung im Hirn und der festen Vorstellung und Überzeugung, worauf es im Leben ankommt, gegen die Wand knallen. Passiert auch manchmal.

Manchmal ist das wie bei so einem Elektroschock, das sortiert sich dann wieder neu und dann kommt man wieder in Kontakt mit diesen alten Anteilen durch diesen völligen Zusammenbruch. Da gibt es Einzelne, die die Kurve kriegen und sich wieder selber finden, wieder Berührung kriegen zu sich selbst und diesen frühen Anteilen. Das ist hoch riskant und die meisten machen ja dann auch anschließend bekanntermaßen eher so weiter als bisher, weil es ja auch so schwer ist.

Stell dir mal vor, du warst bisher erfolgreicher Unternehmer, gehst durch so einen Burnout und merkst plötzlich, was mit dir los ist und sagst, Schluss damit, den ganzen Zirkus, ich mach das nicht mehr, ich werde Imker, Bienenzüchten. Dann wirst du Imker, aber da hast du alle Freunde verloren, die Frau läuft dir weg, das Haus ist nichts mehr, also alles, wofür du bisher gearbeitet hast, ist alles hin. Das musst du erst mal hinkriegen.

Deshalb machen die meisten das nicht. Die bleiben lieber bis zum Hals in diesem Sumpf stehen und modern weiter, als dass sie sich aus diesem furchtbaren Schlamassel herausziehen und ein anderes Leben anfangen. Schöner ist dann die zweite Variante, die ich aber auch leider nur selten erlebt habe, das sind Sternstunden.

Es gibt Momente im Leben, die kann man nicht planen, die entstehen plötzlich, da sitzt man im Kino, guckt sich einen Film an und es laufen einem die Tränen runter und man merkt, ich führe hier das vollkommen falsche Leben. Es geht manchen im Wald zu, manche beim Lesen eines Buches, manche hören Musik und da passiert das. Das sind Sternstunden.

Wenn euch das jemals passieren sollte, nehmt die ganz vorsichtig in die Hand und passt auf, dass euch diese Erfahrung keiner mehr raubt. Die meisten Leute würden nach so einem Kinobesuch schön tief gerührt, Tränen wegwischen und dann geht man raus und trinkt erst mal ein Weinchen, quasselt wieder und dann ist es vorbei. Dann ist diese Sternstunde zu einer Sternschnuppe geworden.

Auch keine Möglichkeit. Und die dritte, das ist das, was ich euch versucht habe mitzugeben, man könnte auch versuchen ein kleines bisschen liebevoller mit sich selbst umzugehen und dann passiert es. Also in diesem Sinne, nehmt einfach diesen einen, ich halte diesen Satz für ein Schlüsselsatz für die neue Zeit: Liebe ist das unbedingte Interesse an der Entfaltung des Anderen. Alles was das nicht gewährleistet, hat mit Liebe nichts zu tun. Das unbedingte Interesse an der Entfaltung des Anderen.

Das heißt, wenn ihr eure Jungs oder eure Kinder begleitet, egal wie blöd die sind, egal mit was für schrägen Ideen die ankommen, lasst sie spüren, dass ihr für sie da seid und dass sie merken, der Papa interessiert sich für mich. Und er traut mir auch was zu, weil Entfaltung ist etwas, das muss man gar nicht machen. Entfaltung geschieht von allein.

Wenn der Junge diese Sicherheit bekommt, dass da ein Vater da ist, der ihn in jeder Hinsicht sozusagen stützt und der ein solches unbedingtes Interesse daran hat, dann entfaltet er sich. Dann fängt er an, Interesse zu entwickeln. Und vielleicht kann man als Vater auch ab und zu mal eingreifen und kann, wenn man merkt, das passiert ja, Kinder werden ja nicht alleine in den Familien groß, die werden ja draußen groß in dieser verrückten Welt.

Und wenn sie dann ankommen mit ihren Vorschlägen und Ideen, wo man dann als erwachsener Mensch weiß, das geht nicht gut, wenn der den ganzen Tag mit seinem Smartphone da rummacht oder was auch immer das sein mag, dann ist eben das unbedingte Interesse an der Entfaltung dieses Kindes auch daran zu spüren, dass man ihm auf eine liebevolle Weise deutlich macht, dass das nicht läuft. Dass man das nicht mitmacht. Das heißt Konsequenz.

Verantwortung. Dasein. Und es nicht einfach geschehen lassen aus Bequemlichkeit. Das ist kein Interesse an der Entfaltung. In diesem Sinne, ich freue mich, dass ihr so still zugehört habt und ich hoffe, dass ihr jetzt in die Welt geht und allen anderen Leuten diese frohe Botschaft von diesem Männerkongress mitbringt und euren Partnerinnen und Partnern zu Hause erzählt, dass ihr sie so großartig liebt, weil ihr so ein unbedingtes Interesse an ihrer Entfaltung habt. Und wenn sie dann abends mit euch wieder aufs Sofa will und Fernsehen gucken will, dann sagt ihr, nee, mach ich nicht.

In diesem Sinne, alles Gute. Danke.

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Über den Autor:


Gerald Hüther ist ein bekannter deutscher Autor, der sich mit Themen wie Neurobiologie, Glück, Gesundheit und Gesellschaft beschäftigt.

Prof. Dr. Gerald Hüther ist Neurobiologe, Autor, Wissenschaftler und zählt zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands. Praktisch befasst er sich im Rahmen verschiedener Initiativen und Projekte mit neurobiologischer Präventionsforschung. Er schreibt Sachbücher, hält Vorträge, organisiert Kongresse, arbeitet als Berater für Politiker und Unternehmer und ist häufiger Gesprächsgast in Rundfunk und Fernsehen. So ist er Wissensvermittler und -umsetzer in einer Person.

In seiner Öffentlichkeitsarbeit geht es ihm um die Verbreitung und Umsetzung von Erkenntnissen aus der modernen Hirnforschung. Er versteht sich als „Brückenbauer“ zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und gesellschaftlicher bzw. individueller Lebenspraxis. Ziel seiner Aktivitäten ist die Schaffung günstigerer Voraussetzungen für die Entfaltung menschlicher Potentiale.

Männer- und Jungenfragen sind Gerald Hüther ein Herzensanliegen. Er ist Autor des Buches Männer – Das schwache Geschlecht und sein Gehirn, seit Jahren Kooperationspartner der MALEvolution.

Über den Autor

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